„Ich seh da nix, also ich kann mir das nicht vorstellen! Chemie ist einfach nicht meins!“
Äußerung einer Schülerin (FIXED MINDSET)
Kopf und Körper sind extrem verknüpft. Das zeigt eine Studie von Forschern der Universität von Michigan (1), in der im Gehirnscan gezeigt werden konnte, dass bei echtem Schmerz sowie psychischem Schmerz die gleichen Gehirnareale leuchten. Ausgrenzung und Ablehung von Personen können sich für diese also ganz ähnlich anfühlen, wie körperlicher Schmerz. Beide Körperreaktionen erzeugen Stress. Und für Stress haben wir in unseren Gehirnen eine „Angstzentrale“ (2)- die Amygdala. Hier werden vornehmlich Emotionen verarbeitet und zwar schneller, als im entwicklungsgeschichtlich neueren Zentrum für logisches Denken, das eine Situation LOGISCH bewerten kann. Evolutionsbiologisch war das lebensrettend, da man keine Zeit hatte, darüber zu philosophieren, ob man nun rennt oder bleibt, wenn der berühmte Säbelzahntiger um die Ecke kommt. Gleichzeitig werden hier auch positive Emotionen verarbeitet. Erste wenn mehrere Teile des sogenannten limbischen Systems und der Logikzentrale des Gehirns zusammenwirken, nehmen wir die Emotion bewusst wahr. So führt ausgiebiges Lachen dazu, dass die Lunge viel Sauerstoff aufnimmt, der über die roten Blutkörperchen in den Körper gelangt und diesen für diese Zeit sehr aktiviert. Der Stoffwechsel wird angeregt und Glückshormone (Endorphine) werden ausgeschüttet, die das Stresshormon Adrenalin unterdrücken. Diese Veränderungen können so stark sein, dass sogar Schmerzzustände (s.o.) gelindert werden. Bei gemeinsamen Aktionen, in denen JEDER involviert ist und damit soziale Kontakte hat, wird das Hormon Oxytocin (das Kuschelhormon) ausgeschüttet. Es führt zu Bindung und Stärkung von Gemeinschaften (zum Beispiel von Mutter und Kind nach der Geburt) und fördert das Wohlbefinden des einzelnen. Dopamin-Kicks werden bei Erfolg generiert und lösen ebenfalls gute Gefühle aus. Verhängnisvoll sind diese beim Drogenkonsum oder dem ständigen Blick auf das Smartphone, um den Social-Media-Status zu checken. Dopamin-Kicks haben Suchtpotential.
Teil des Logikzentrums ist der präfrontale Cortex, der mit der Bewertung von Emotionen, der eintreffenden Sensorik und der resultierenden Handlungsplanung befasst ist. Situationen, die schon oft erlebt und durchlaufen wurden, gibt der präfrontale Kortex (3) an die Basalganglien ab. Daher müssen wir beim Rad- oder Autofahren nicht mehr so viel nachdenken. Bestimmte Prozesse werden also automatisiert und gelten als erlernt. Emotion, Sensorik, Handlung und schließlich die Automation sind neurowissenschaftlich eng verknüpft. Bestimmte Hormone und Neurotransmitter sorgen für positive oder negative „Kicks“, führen dazu, dass wir die Dinge mit positiven oder negativen Emotionen verknüpfen und entsprechend automatisiert ablegen.
Wäre doch cool, wenn die Schülerin aus dem Eingangszitat die Gelegenheit hätte, das Unsichtbare oder das nicht Vorstellbare mit Sensorik, Gemeinschaftsgefühl und positiven Emotionen zu verknüpfen und ähnliche Situationen in der Zukunft mit einem positiveren Mindset zu verbinden!
Der naturwissenschaftliche Unterricht (für den ich sprechen kann), hat mit unterschiedlichen Problemen zu kämpfen: In der Regel hat der MINT-Unterricht ein hohes Abstraktionspotential. Viele Dinge können wir nicht sehen oder komplett „begreifen“. Unterschiedliche Wissensniveaus, Vorerfahrungen oder Talente der Schülerinnen und Schüler lassen einige Lernenden zu hormonellen Höchstleistungen auflaufen und Dopamin-Kicks erfahren, während andere Stress empfinden und NEGATIV-Automatismen ausführen. Dies wiederum führt zu einem Gefühl des NICHTKÖNNENS und der der subjektiv empfundenen AUSGRENZUNG (vgl. oben). Ein Teufelskreis!
Lösungen aus dem Teufelskreis
Schülerinnen und Schüler benötigen vielfältige Zugänge, wie Texte, Bilder und motorische bzw. haptische Erfahrungen. Die Kombination von Experiment, Beobachtung und die gemeinsame Entwicklung von Erklärungsmöglichkeiten spielen eine wesentliche Rolle für ein nachhaltiges Verständnis der Inhalte. Gruppendynamische Prozesse, die auch in theoretischen Phasen ins Tun führen, mit positiven Erfahrungen (gemeinsam Lachen) und ungewöhnlichen Sachverhalten einhergehen, werden besser im Gedächtnis abgelegt, als Einzelerfahrungen, an denen man nur für sich allein scheitert. Gehirngerechtes Lernen berücksichtigt die Verknüpfungen von Emotionen mit sensorischen Erfahrungen, Handlungen und Hormonen. Damit kann man zukünftig ein fixed Mindset („Das schaffe ich nie!“) in ein growth Mindset („Wir versuchen gemeinsam, die beste Lösung zu finden!“) verwandeln.
Darstellendes Spiel
Mit dem DARSTELLENDEN SPIEL im MINT-Unterricht habe ich eine Möglichkeit gefunden, die oben beschriebenen, positiven Faktoren zu aktivieren, um Schülerinnen und Schülern mit unterschiedlichen Vorerfahrungen und Automatismen eine Teilhabe am Unterricht und damit Erfolgserlebnisse in der Gruppe zu ermöglichen. Dies führt langfristig zu einem positiveren Mindset gegenüber den MINT-Themen.

In der Fortbildung Click here für die Kolleginnen und Kollegen der IGS Ehringshausen habe ich kürzlich die Ideen des darstellenden Spiels im MINT-Unterricht vorgestellt. Witzigerweise waren auch Kolleginnen und Kollegen dabei, die ausschließlich NICHT-MINT-Fächer unterrichten und/oder in Bezug auf MINT im (schulischen) Vorfeld ein sehr negatives Mindset entwickelt haben. Das waren die aller, aller besten Voraussetzungen, um das Konzept mit der Hilfe der Kolleginnen und Kollegen zu erproben! Was soll ich sagen: Es hat geklappt. Ich habe die Ehringshäuser Lehrkräfte – egal ob mit oder ohne Vorerfahrung – in die Lage versetzt, einen Reaktionsmechanismus der gymnasialen Oberstufe auf der darstellenden Ebene zu entwickeln. In den beiden Stunden, waren wir körperlich und geistig extrem aktiv und haben viel gelacht. Neue Sachverhalte mit bekannten Elementen konnten schneller umgesetzt werden und selbst komplexe Prozesse sind den Kolleginnen und Kollegen durch die gruppendynamischen Impulse leichtgefallen. Im darstellenden Spiel braucht es viel Modellkritik. Dabei ist es hier aber nicht zielführend, zu nennen, welche Fakten das Modell nur unzureichend erklärt. Es geht darum, das Modell so zu verändern, um der Wirklichkeit möglichst nahe zu kommen. Und die reine Vorstellung, dass Caro jetzt auf Marcs Schulter steigen müsste, reicht, um dem Gehirn die Abwechslung zu bieten, die es zum Lernen braucht.
Referenz: Lehrerfortildung mit der Wissensfabrikb

Quellen (1) https://www.scinexx.de/news/biowissen/gehirn-registriert-seelenpein-wie-echten-schmerz/ (2) https://www.planet-wissen.de/gesellschaft/psychologie/lachen/pwieistlachenwirklichgesund100.html#:~:text=Sogenannte%20Antikörper%2C%20die%20der%20Körper,zudem%20bringt%20der%20Hormonschub%20Glücksgefühle. (3) https://de.wikipedia.org/wiki/Präfrontaler_Cortex

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